5. – 13. Schuljahr

Andreas Nieweler

Sartre – Philosoph, Dichter, Mensch

Zur Vielfältigkeit eines modernen Klassikers

Sartre fehlt. Aber er hat Spuren hinterlassen: Kaum ein Intellektueller französischer Sprache hat so viele Denkanstöße, Debatten, Kontroversen, Freund- und Feindschaften hervorgerufen wie Jean-Paul Sartre (1905 – 1980). Wie kann man sich einem so prominenten, herausragenden Schriftsteller, Philosophen und Intellektuellen nähern?

Würde sich Jean-Paul Sartre in heutiger Zeit auch der Protestbewegung der gilets jaunes anschließen? Protest und Rebellion waren stets auch seine Sache, den Mächtigen ins Gewissen reden tat er gern. Der rauchende, schielende, stets gut gekleidete kleine Mann mit Scheitel und Schulmeister-Brille, dem Alkohol und den Reizen des weiblichen Geschlechts keineswegs abgeneigt, ist der Vorzeige-Intellektuelle des 20. Jahrhunderts in Frankreich und gleichzeitig eine Art Weltgewissen und moralische Instanz. Sein politischer Einsatz für die Unterdrückten und Ausgebeuteten, sein Engagement für die Kunst, sein umfangreiches und verschiedene Genres bedienendes schriftstellerisches Werk bedeuten uns Ansporn und Herausforderung zugleich.
Grund genug, einer derart bedeutenden Persönlichkeit ein Themenheft zu widmen. Aber eines ist auch klar: Welchen Zugriff man auch immer wählt (das Werk, seine Theorien, seine Biografie), wir können in diesem Heft nur einen kleinen Teil von Sartres Leben und Wirken beleuchten. Die Reduzierung seiner philosophischen Gedanken auf eine Strömung (den Existentialismus), gar auf einen einzigen Satz (Lexistence précède lessence) oder ein zentrales Zitat (Lenfer cest les autres er ärgerte sich immer, wenn es aus dem Zusammenhang gerissen wurde) bietet keine Ansätze, sein Werk begreifbar zu machen. Dieses Themenheft will, ausgehend von den Bedürfnissen des Französischunterrichts, ausgewählte Texte, Themen und Strukturen vorstellen: Dazu gehört neben dem oft gelesenen Klassiker-Drama der Oberstufe Huis clos sein Essay La République du silence (s. dazu die Praxisbeiträge von Silke Schumacher-Schlamkow und Stefanie Fritzenkötter im vorliegenden Themenheft); in beiden wird Sartres Freiheitsbegriff unter die Lupe genommen. Auszüge aus seiner Erzählung LEnfance dun chef und aus dem Roman La Nausée thematisieren die Praxisbeiträge von Colette Sarrey und Marie Cravageot in diesem Themenheft. Abschließend wird der Versuch unternommen, zentrale Begriffe aus Sartres Denken in einfachen Worten zusammenzufassen.
Die Vielfalt des Werks
Sartres literarisches Schaffen ist mit seinen philosophischen Theorien besonders eng verbunden. Bei aller didaktisch motivierten Reduktion darf man nicht übersehen, dass auch seine Schriften über Künstler Exemplifizierungen und Weiterentwicklungen seiner Philosophie sind. Natürlich spiegeln sich seine Anschauungen in seinen Stücken wider, aber sie sollten dennoch als eigenständige Kunstwerke wahrgenommen werden. Mit Ausnahme von LEtre et le néant und der Critique de la raison dialectique (2 Teile) sei „alles, was ich geschrieben habe, gleichermaßen literarisch und philosophisch, hat Sartre einmal behauptet.
Traugott König, Herausgeber von Sartres Gesammelten Werken in Einzelausgaben (Rowohlt Verlag) und Übersetzer seiner Werke ins Deutsche, unterscheidet die folgenden Schriften: Romane und Erzählungen, Theaterstücke und Drehbücher, philosophische Schriften, Schriften zur Literatur, Schriften zu Theater und Film, Schriften zur bildenden Kunst und Musik, politische Schriften, autobiografische Schriften, Reisen, Tagebücher und Briefe. Wenn man es chronologisch sieht, hat Sartre immer gleichzeitig Stücke und andere literarische Texte geschrieben und an philosophischen Werken gearbeitet. Welcher französischsprachige Schriftsteller kann im 20. Jahrhundert ein ähnlich breit aufgestelltes Œuvre anbieten?
Zu Sartres bekanntesten Stücken gehören Huis clos, Les Mouches, Les Séquestrés dAltona, Kean, Les Mains sales, Le Diable et le bon...

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