5. – 13. Schuljahr

Heiner Wittmann

Existenz, Freiheit und Kunst

Ausgewählte Werke Jean-Paul Sartres im Überblick

Sartres philosophisches und literarisches Werk enthält mit seinen Untersuchungen zur Kunst einen Bereich, der oft übersehen wird. Ein Abriss seiner wichtigen Publikationen und Themenfelder hilft bei der Orientierung.

Sartres literarischer Durchbruch gelingt 1938 mit La Nausée („Der Ekel), dem Tagebuch des Antoine Roquentin, der im Park von Bouville unter einer Kastanie die Absurdität des Lebens begreift, sich sein Scheitern an der Biografie von Rollebon eingesteht und Bouville verlässt, um nach Paris zurückzukehren. Er will etwas Neues schreiben, vielleicht einen Roman, der so hart wie Stahl sein soll und den Lesern die Schamröte wegen ihrer Existenz ins Gesicht treibt: Sie sollen also buchstäblich durch die Literatur und damit durch die Kunst vor ihre eigene Verantwortung gestellt werden. Das ist der Kern von Sartres Literaturtheorie und auch seiner Kunsttheorie, so wie er sie selbst theoretisch und praktisch immer wieder in seinen Studien über Künstler, Schriftsteller und Dichter (Charles Baudelaire, Jean Genet, Gustave Flaubert, Stéphane Mallarmé, André Masson, Alexander Calder, Tintoretto) auf den Punkt gebracht hat.
Albert Camus rezensiert das Buch in der Zeitung Alger républicain am 20. Oktober 1938 und fasst in einem Satz die grundlegende Übereinstimmung zwischen ihm und Sartre zusammen: „Es kann nicht das Ende sein, wenn man die Absurdität des Lebens feststellt, das ist nur ein Anfang. Und er fügt hinzu: „Das ist der erste Roman eines Schriftstellers, von dem man alles erwarten kann. Eine so natürliche Geschmeidigkeit, sich an den äußeren Grenzen des Bewusstseins zu orientieren, eine so schmerzhafte Klarsicht, lassen Gaben ohne Grenzen erkennen. Das genügt, um La Nausée als den ersten Aufruf eines einzigartigen und kraftvollen Geistes zu verstehen, von dem wir mit Ungeduld die kommenden Werke und Lektionen erwarten.
Vor dem Krieg entsteht der Erzählband Die Mauer (1939), der Die Kindheit eines Chefs enthält und während der deutschen Besatzung Theaterstücke wie Die Fliegen (1943) und Hinter geschlossenen Türen (1945). Im gleichen Jahr beginnt sein Romanzyklus Die Wege der Freiheit.
Sartre erlebt den Beginn des Zweiten Weltkriegs zunächst als Soldat einer Wettereinheit im Elsass. Später gelingt ihm die Flucht aus deutscher Gefangenschaft. Diese Erfahrung aber war für ihn, wie er später immer wieder erklärt hat, die große Wende in seinem Leben, da er dort die Bedeutung der sozialen Bezüge erkannt habe. Aus dieser Zeit resultiert auch seine Hinwendung zum Sozialismus, zur Politik und zur Geschichte.
Wir sind zur Freiheit verurteilt
Zunächst kehrt er nach Paris zurück und schreibt Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie (1943), ein Buch, mit dem er mitten in der Besatzungszeit eine Begründung der menschlichen Freiheit vorlegt. Traugott König hat kurz vor seinem Tod 1991 die deutsche Neuübersetzung dieses Werks fertiggestellt. Sein Nachwort ist eine sehr lesenswerte Interpretation dieses Werkes.
Die Welt wird durch das An-Sich definiert und ihr gegenüber steht das Für-Sich des Menschen in dem Sinne, wie es ein Bewusstsein von dieser Welt ist. Diese Beziehung des Menschen zur Welt enthüllt ihm seine Distanz zu dieser Welt und zugleich auch die Fähigkeit, ein Bewusstsein von etwas zu haben, das die Nichtung, also das Nichts, begreifen kann. Damit ist kein zerstörerisches Nichten gemeint; Sartre erklärt damit das Überschreiten einer Situation. Durch seinen Abstand oder Zwiespalt zur Welt wird seine Freiheit und folglich auch seine Verantwortung gegenüber der eigenen Situation, also der Freiheit begründet. Es gibt Freiheit nur in der Situation, schreibt Sartre.
Diese Freiheit ist der Kern von Sartres Philosophie. Aber es ist eine Freiheit, die auch Angst auslöst, da eine andere Wahl als eben diese Freiheit nicht möglich ist. Sartre hat diese Gedanken in dem...

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