10. – 13. Schuljahr

Stefanie Fritzenkötter

Être libre sous loccupation?

Mit Sartre über den Freiheitsbegriff nachdenken

Der 1944 erschienene Aufsatz La République du silence veranschaulicht Sartres Vorstellung von Freiheit, die Lernende kritisch hinterfragen können.

Freiheit dieser zumeist positiv konnotierte Begriff ist scheinbar leicht mit Bedeutung zu füllen: Wir fühlen uns frei, wenn wir tun und lassen können, was wir wollen oder wenn wir uns frei für oder gegen etwas entscheiden können. Auch in der Jurisprudenz sind etwa die Freiheit der Person, das Recht, sich innerhalb der Landesgrenzen frei zu bewegen, die freie Entfaltung der Persönlichkeit oder auch die Religionsfreiheit im Grundgesetz verankerte Grundrechte (vgl. GG Art. 2 u. 4).
Als Antonyme zu Freiheit fallen Substantive wie Unfreiheit, Gefangenschaft, Zwang und Einschränkung ein. In Gefangenschaft ist der Mensch meist dazu gezwungen, das ihm Auferlegte zu tun. Er kann sich nicht frei bewegen und nur bedingt Entscheidungen bezüglich seines Handelns treffen. Ähnliches trifft auf das Leben in Diktaturen zu, da ein Zuwiderhandeln oder die freie Meinungsäußerung gegen die vorherrschende Doktrin häufig geahndet wird und nicht selten mit dem Tod endet.
Jean-Paul Sartre war selbst 194041 Kriegsgefangener in Trier (vgl. zu Sartre im Zweiten Weltkrieg Cohen-Solal 2005: 74ff.). Umso mehr verwundert es, dass er im ersten Satz seines Aufsatzes La République du silence Freiheit in einem Atemzug mit der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg nennt: „Jamais nous navons été plus libres que sous loccupation allemande. (doc1 ) Wie ist zu erklären, dass Sartre im Moment größter Unfreiheit von Freiheit spricht? Dieser Frage sollen die Schülerinnen und Schüler in dieser Unterrichtseinheit nachgehen. (Zu Sartres Freiheitsbegriff vgl. Kasten1.)
1|Sartres Freiheitsbegriff eine Einführung
1|Sartres Freiheitsbegriff eine Einführung
„[L]homme est condamné à être libre. Condamné, parce quil ne sest pas créé lui-même, et par ailleurs cependant libre, parce quune fois jeté dans le monde il est responsable de tout ce quil fait. (LExistentialisme est un humanisme, 1946: 37)
Der Freiheitsbegriff (vgl. zum Freiheitsbegriff in der Existenzphilosophie Thurnherr/Hügli 2007: 93ff.) wird in diesem Auszug aus Sartres Essay LExistentialisme est un humanisme in einem Atemzug mit dem Verb condamner genannt. Dies erstaunt zunächst, wird man doch im allgemeinen Sprachgebrauch meist zu negativen Dingen verurteilt, z.B. zu drei Jahren Haft oder zum Tode. Laut Sartre ist der Mensch jedoch zum Leben und somit auch zur Freiheit verurteilt, da er sich nicht selbst geschaffen hat, sondern sozusagen ohne gefragt zu werden geboren wird bzw. in die Welt geworfen wird („jeté dans le monde). Da der von Sartre vertretene atheistische Existentialismus (vgl. Volpi 1999: 1313; Bilemdjian 2000: 20f., 26ff.) den Menschen in den Mittelpunkt seiner Philosophie rückt und so Gott bzw. ein gottähnliches Wesen nicht für das menschliche Handeln verantwortlich gemacht werden kann, ist der Mensch aufgrund seiner Verurteilung zu Leben und Freiheit zeitlebens für sein Tun verantwortlich.
Diese Verantwortung macht auch vor unmittelbarer Bedrohung von Leib und Leben keinen Halt, denn der Mensch ist frei, sich auch gegen etwas zu äußern und dagegen zu agieren. So schreibt Sartre in seinem philosophischen Hauptwerk LÊtre et le néant (EN), veröffentlicht 1943: „[L]homme, étant condamné à être libre, porte le poids du monde tout entier sur ses épaules: il est responsable du monde et de lui-même en tant que manière dêtre (EN: 597). Jeder Mensch trägt laut Sartre die Schuld und die Verantwortung für jegliche Gräueltat auf der Welt, gegen die er sich nicht auflehnt und deren Geschehen er tatenlos akzeptiert, auch dann, wenn er sie nicht gutheißt und aus welchen Gründen auch immer keinen Widerstand leistet (EN: 599). Sartre schreibt außerdem: „Les plus atroces situations de la...

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