11. – 13. Schuljahr

Katrin Henk

Vous avez du courrier!

Sylvain Tessons Novelle Le Courrier im Unterricht

Was macht das Leben in menschlicher Gesellschaft eigentlich lebenswert? Das ist die Frage, mit der sich die Lernenden im Anschluss an die Begegnung mit dem schiffbrüchigen Protagonisten in Sylvain Tessons Novelle Le Courrier kreativ und produktiv auseinandersetzen.

«Emportez cela, capitaine, et laissez-moi. Je ne tiens pas trop à regagner ce monde.» Das entgegnet der schiffbrüchige Protagonist in Sylvain Tessons Nouvelle Le Courrier dem Kapitän des Schiffes, das ihm die so müsste man eigentlich meinen erhoffte Rettung bringt. Warum der Gestrandete am Ende seine einsame Insel der Rückkehr in die Zivilisation vorzieht, erschließt sich bei der Lektüre: Ganz typisch für den Beginn einer Novelle trifft man auf die Hauptperson, die im Begriff ist, einen Brief zu lesen. Erst nach und nach erfährt man, dass sich der Protagonist auf einer einsamen Insel im Pazifik befindet, wohin es ihn als einzigen Überlebenden nach einem Schiffsunglück verschlagen hat. Außer ihm sind noch zwei wasserdichte Koffer auf der Insel gelandet, von denen der eine Lebensmittel, der andere einen Sack Post enthält. Während die Lebensmittel dem Schiffbrüchigen geholfen haben, die ersten Monate auf der Insel zu überbrücken, trifft ihn der Leser in dem Moment an, als er der Verlockung des Postsacks nicht mehr widerstehen kann: Er hegt die Hoffnung, in den Briefen Zeichen menschlicher Regung und Solidarität zu finden, die seine Einsamkeit lindern könnten. Doch seine Enttäuschung wächst Brief um Brief, denn die Nachrichten sind ausnahmslos negativen Inhalts und geprägt von Streit, Hass, Elend und Trauer. So endet die Novelle schließlich mit der eingangs zitierten Weigerung des Schiffbrüchigen, in eine solche Welt zurückzukehren, verbunden mit der Bitte den Postsack letztes Relikt aus dieser Welt und Symbol für die menschliche Verrohung mitzunehmen.
Ein Text für die Schule?
Auch wenn der Zeitgeist die Novelle spielt im Jahr 1946 die negative Weltsicht ein Stück weit verständlich macht, so lädt doch der eindeutige Pessimismus, mit dem in diesem literarischen Text die Menschheit gezeichnet wird, auch in heutiger Zeit zu Diskussion und Widerspruch ein: Sind Welt und Menschheit tatsächlich so schlecht, wie sie in der Novelle dargestellt werden? Gibt es nicht auch gegenteilige Beispiele? Wofür lohnt es sich eigentlich zu leben? Und wie können wir selbst eine menschliche und lebenswerte Welt gestalten? So wirft der Text für jugendliche Leser und Leserinnen zentrale und relevante Fragen auf auch wenn das Setting der Novelle zunächst von ihrer Lebenswelt eher etwas entfernt zu sein scheint. Was die sprachliche Schwierigkeit betrifft, ist die Erzählung vor allem für fortgeschrittene Lernende (Kursstufe) geeignet, da sie viel anspruchsvolles Vokabular enthält. Auf großzügige Wortangaben sollte deshalb nicht verzichtet werden. Dafür ist der Text mit knapp 1600 Wörtern sehr kurz und dementsprechend auch innerhalb einer Doppelstunde machbar. Auch die erzähltechnisch klare Strukturierung erleichtert den Zugang zum Text: Die Nachrichten, die der Schiffbrüchige liest, sind optisch abgesetzt als Briefausschnitte in den Text eingebaut und unterbrechen und rhythmisieren damit die eigentliche Handlung, die im personalen Erzählstil die Erfahrungen, Gedanken und Gefühle des Schiffbrüchigen thematisiert. Diese Erzählstruktur macht sich der folgende Unterrichtsvorschlag zunutze.
Einstieg avant la lecture
Als Einstieg in das Thema tauschen die Lernenden zunächst im Gespräch ihre Erfahrungen zum Thema „Briefe aus, anschließend werden die Beiträge im Plenum gesammelt (fdt1 ). Dabei hat sich herausgestellt, dass, wie erwartet, echte Briefe für die Jugendlichen etwas Besonderes sind und diese auch nur zu besonderen und meist freudigen Gelegenheiten verfasst werden. Die eher positive Haltung zur Briefbotschaft wird aufgegriffen, indem die...

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