11. – 13. Schuljahr

Marie Cravageot|Tobias Scholl

Mais qui me suit?

Handelnd mit einem Lied und einer Novelle umgehen

Eine Musik und Literatur kombinierende Vorgehensweise ermöglicht schülerorientierte und motivierende Zugänge zu literarischen Texten. Gleichzeitig verdeutlicht sie, dass beide Kunstgattungen in vielen Fällen weniger weit voneinander entfernt sind, als man zunächst denkt.

Um Lernenden den Zugang zu literarischen Texten zu erleichtern, kann es gewinnbringend sein, auch andere Kunstgattungen in den Literaturunterricht zu integrieren. Gerade die Musik kann hierbei einen wichtigen Anknüpfungspunkt bilden, schließlich gehört Musik zum Alltagsleben Jugendlicher: Sie hören Musik, setzen sich mit den Texten auseinander, finden einen neuen Song (vielleicht auch eine französischsprachige chanson!) einfach „gut oder „schlecht und tauschen sich auch mit anderen Jugendlichen über Musik aus. Aufgrund dieser Bedeutung, die Musik im Alltag der Jugendlichen einnimmt, erscheint es lohnenswert, sich literarischen Texten über die vertraute Musik zu nähern. Das nachfolgend dargestellte Praxisbeispiel verfolgt einen solchen Ansatz und zeigt hierbei, dass Musik nicht nur ein Weg sein kann, um den Schülerinnen und Schülern literarische Texte schmackhaft zu machen, sondern dass der Vergleich zwischen Musik und Literatur auch für das explizit literarische Lesen förderlich ist.
Handelnd mit Musik und Literatur umgehen
Im Zeitalter der Kompetenz- und Outputorientierung stellt sich zunehmend die Frage, wie literarische Texte im Fremdsprachenunterricht gelesen werden sollten. Wirft man zur Beantwortung dieser Frage einen Blick in die Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache (KMK: 2012), könnte man schlussfolgern, Leseverstehen bestünde vornehmlich in einer Informationsentnahme bzw. Informationserschließung. In diesem Sinne stellt etwa auch Burwitz-Melzer (2007) hinsichtlich einer Beispielaufgabe, die die Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss veranschaulichen soll, fest, dass dort ein literarischer Text wie „ein expositorischer Text (Burwitz-Melzer 2007: 132) behandelt werde.
Durch einen solchen verkürzten Ansatz bleiben etwa Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Fragen der eigenen (und fremden) Identität ungenutzt. Gerade dies aber ist vor allem im Jugendalter von besonderer Relevanz, wobei hier vielfach die Gleichaltrigen und deren Sicht für das Wechselspiel zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bedeutend sind, man denke nur an das „Coolseinwollen durch Alkohol- und Tabakkonsum. Aufgrund der Vielzahl verschiedener Perspektiven, die in literarischen Texten aufeinandertreffen (vgl. hierzu das Modell von Rietz 2017 zur Entwicklung sog. „Perspektivübernahmekompetenzen), scheint insbesondere die Behandlung von Literatur dazu geeignet, Fragen der Identität und der Selbst- und Fremdsicht zu thematisieren.
Eine Chanson und ein Récit
Das Lied Celui qui me suivait dans la rue (doc1 ) von La Grande Sophie (Kasten2) und die kurze Erzählung Lenfant qui nage (doc2 ) von Raphaël Haroche (Kasten1) aus dem Novellenband Retourner à la mer (2017) bieten sich unter verschiedenen Gesichtspunkten für eine vergleichende, handlungsorientierte Bearbeitung im Französischunterricht an, etwa im Rahmen einer Unterrichtsreihe Identités et questions existentielles oder alternativ in Bezug auf das Thema Paris. In beiden Texten geht es um Personen, die durch eine Stadt laufen und dabei das Gefühl haben, verfolgt zu werden. Im ersten Fall ist die Protagonistin eine Frau, die offensichtlich von einem Mann verfolgt wird und dabei Todesängste verspürt: „Je suis trop jeune pour mourir / Il est trop tôt pour partir / Jirai plus loin, plus loin / Si jarrive à men sortir (l. 13 – 16). Im zweiten Fall handelt es sich um einen Jungen, der glaubt, eine unbekannte Person folge ihm auf seinem Weg in die Schule und von der Schule zurück nach Hause. Unter strukturellen Gesichtspunkten spielen beide Texte mit dem...

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