10. – 13. Schuljahr

Otto-Michael Blume

Je suis une blessure

Ängste und ihre Folgen in einer verunsicherten Gesellschaft

Ängsten kann man gut begegnen, indem man sie ernst nimmt und thematisiert. Fiktionale Dokumente wie der hier vorgestellte Kurzfilm können hierbei über die Identifikationsmöglichkeit mit den Handelnden einen wichtigen Beitrag leisten.

1974 veröffentlichte Rainer-Werner Fassbinder sein Melodram „Angst essen Seele auf, das psychische und körperliche Folgen gesellschaftlicher Nichtachtung und Unterdrückung bei den damaligen sog. Gastarbeitern der Bundesrepublik Deutschland thematisierte. Der in diesem Artikel behandelte Kurzfilm Je suis une blessure, der beim Nikon-Festival 2017/18 mit dem Grand Prix du Jury und dem Prix du meilleur son ausgezeichnet worden ist, könnte den gleichen Titel tragen, auch wenn er in einem vollkommen anderen Kontext zu sehen ist. In ihm geht es um unterschwellige, ebenfalls Körper und Geist verletzende Ängste als Folge des durch die Attentate von 2015 gewachsenen Gefühls der Unsicherheit in der Stadt Paris.
Didaktische Überlegungen
Der Kurzfilm lässt niemanden, der ihn sieht und hört, kalt. Zu ausdrucksstark wird die wachsende Panik der Hauptdarstellerin im Zusammenhang mit dem augenscheinlichen Weihnachtspaket und ihrem Träger dargestellt. Unterstützt wird diese Stimmung durch entsprechende Großaufnahmen des Gesichts der Hauptdarstellerin bis man nur noch ihre angsterfüllten Augen sieht. Diese in Paris seit 2015 vielfach empfundene Gefühlslage ist in Deutschland vielleicht mit der beim Besuch von Weihnachtsmärkten nach 2016 vergleichbar. Der Terrorismus des sogenannten Islamischen Staates hat das Ziel einer verunsicherten Gesellschaft erreicht. Das zeigen auch die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse, die sich mit diesem Film in ihrem Unterricht befasst haben.1
Reaktionen wie diejenigen in Je suis une blessure sind heute keineswegs mehr außergewöhnlich Auslöser kann in manchen Fällen auch eine offenbar herrenlose Tasche in der Metro sein. Dabei sind die Attentate in Paris 2015 keineswegs in der Metro, sondern in einer Zeitungsredaktion, einem Konzertsaal, vor den Toren des Stade de France, in Cafés und Restaurants sowie in einem Supermarkt verübt worden, doch die Angst ist seit dieser Zeit überall.
Im Gegensatz zur Furcht bleiben Ängste oft unspezifisch: „Unter Angst wird ein Zustand verstanden, der mit einem negativen Gefühl der Anspannung einhergeht und sich auf eine Bedrohung in der Zukunft richtet. Die Art der Bedrohung bleibt aber im Allgemeinen eher vage. Der Begriff Furcht dagegen ist reserviert für eine starke emotionale Reaktion auf eine wahrgenommene, tatsächliche Bedrohung. Diese Bedrohung ist definierbar, wie z.B. eine giftige Schlange.2
Da auch Lernende schon Ängste entwickelt haben ohne Angst ist Menschsein nicht möglich , ist Schule ein Ort, an dem sie so thematisiert werden können, dass keine individuelle Zuschreibung oder persönliche Offenlegung damit verbunden sein muss. Im Unterricht ermöglichen fiktionale Filme oder Texte bei aller Bedrohlichkeit dort beschriebener Situationen die wichtige Distanz, damit die Schülerinnen und Schüler sich mit Ängsten handelnder Personen identifizieren können, ohne die eigenen ansprechen zu müssen. Zwar ist Unterricht nicht vergleichbar mit einer Sitzung beim Psychologen, doch helfen Gespräche über solche Grundgefühle den Kindern und Jugendlichen, Ängste besser für sich selbst einordnen zu können.
Der Film im Unterricht
Die Behandlung des Kurzfilms bietet sich ab dem 5. Lernjahr an, etwa in einer Reihe zu Paris, in der auch auf die Erschütterungen durch die Attentate von 2015 eingegangen wird. Notwendig ist dies aber nicht. In der zwei- bis dreistündigen Arbeit beginnt die Lehrperson möglichst in einer Doppelstunde mit einer Anknüpfung an vielleicht schon behandelte oder allgemein bekannte Möglichkeiten der Fortbewegung in Paris: Comment se déplacer à Paris? Avez-vous déjà fait des...

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